4. Januar 2026: Thomas Scheytt – Blues & Boogie Woogie auf höchstem Niveau

Stand da etwa Frank Zappa bei der Tür, während der Gastgeber Jean-Pierre Kousz und die Gastgeberin Barbara Münch wie stets in herzlichen Worten das Publikum und den Künstler vor erneut ausverkauftem Haus begrüsste? Nein: es war der deutsche Blues- und Boogie-Pianist Thomas Scheytt, Jahrgang 1960, der nun ebenfalls die Zuhörer begrüsste und eine Improvisation „mit dem etwas umständlichen Namen“ ankündigte: „Hallo und guten Abend liebe FreundInnen der Villa Wellentanz“.

Dann setzte er sich an den hauseigenen Digitalflügel und improvisierte meditativ über einem schlichten Bass mit leicht hingeworfenen Spielereien der rechten Hand, hie und da mit dem Fuss im Takt am Boden scharrend als klangliche Ergänzung.

Mit der Eigenkomposition „Hell Valley Stomp“, einer Hommage an die Höllentalbahn im Schwarzwald, geht es in seiner Klangwelt weiter, die vom Pianissimo bis ins orchestrale Tutti reicht, das Scheytt mühelos aus dem Instrument zu entlocken weiss, ohne es gewaltsam zu erzwingen; in der geradezu ganzörperlichen Hingabe und dem klanglichen Impetus des Pianisten fühlte sich der Rezensent punktuell an Keith Jarrett erinnert.

Kennengelernt hatte Scheytt die Blueswelt im Alter von etwa 17 Jahren, wo er bis dahin klassisch unterwegs war, als er eine Schallplatte mit dem „Suitcase Blues“ (1925) von Hersal Thomas  in die Hände kriegte, den er stracks mittels eines Kassettenrecorders kopierte; hiermit brachte er sich das Stück ab Gehör bei und trug es immer wieder vor – warum spiele er es aber immer in der Tonart B-Dur statt wie im Original in C?, wollte ein Kollege in Hamburg eines Tages wissen? Der Grund erwies sich als banal und schlicht: Der Recorder lief einfach zu langsam. Scheytt blieb aber bei B-Dur, da ihm das Stück so besser gefiel.

Eines Tages in den Neunziger Jahren präsentierte Scheytt in einem Hotel zum ersten Mal einen eigenen Boogie, worauf ein Amerikaner mit dem Kompliment „Well done“ 50 Dollars hinlegte; seitdem hatte dieser Boogie seinen Namen weg: „Fifty-Dollar-Boogie“. „Well Done“ rief auch die Gastgeberin Barbara Münch, nachdem Scheytt ihn auch an diesem Konzert zum Besten gegeben hatte. Es folgte „You’ve got a friend in me“ (1995) von Randy Newman, das Scheytt in einen Ragtime verarbeitet hatte, und die Eigenkomposition „Flower Street Express“, die Scheytt seinem Wohnsitz gewidmet hatte, der Blumenstrasse in Freiburg im Breisgau-Sankt Georgen.

Nach der Pause eröffnete das Stück „Walking Cat“ – Sein Kater habe auf diese Komposition bestanden, meinte Scheytt im Kommentar. Weiter ging es mit „Out Of Dark“, dem Orgelklang nachempfunden: In seinen frühen Berufsjahren war Scheytt auch als Organist tätig, und tatsächlich zauberte er im Bass einen Klangteppich hervor, der Orgelklängen gleicht. Sein nächstes Stück, „Morning Dance“ habe einer Dame so gut gefallen, dass sie es jeden Morgen höre und dazu tanze. „Man kann es auch am Abend tanzen“ urteilte Barbara Münch fröhlich in die Runde. 

Haben Sie gewusst, dass es der Boogie 1938 sogar bis in die renommierte Carnegie-Hall geschafft hat? Aus der Boogie-Frühzeit präsentierte Scheytt als Abschluss den fulminanten Boogie-Woogie Stomp (1920) von Albert Ammons, einem der drei Künstler, die damals in der Carnegie Hall aufgetreten waren; Scheytt entfaltete damit nochmal den ganzen Reichtum seiner Klänge und seine Virtuosität.

Fertig? – Natürlich nicht: das Publikum dankte dem Pianisten mit einem langen Da-Capo-Applaus, sodass es tatsächlich in den Genuss einer Zugabe kam (Scheytt: „Ohne Zugabe wäre ich sowieso nicht nach Hause gegangen ;-“), und zwar eine Klavierbearbeitung des Jazzstandarts „Giorgia On My Mind“ (1930).

Es war wieder ein denkwürdiges Konzert: Thomas Scheytt wusste das Publikum mit seinem farbigen und originellen Klavierspiel und mit seinen feinhumorigen Kommentaren für sich zu gewinnen; mehrmals klatschten Zuhörer begeistert im Takt mit, wenn es gerade zur Sache ging und was dem Pianisten stets ein Lächeln ins Gesicht zauberte. 

Thomas Scheytt: ein Philosoph und Klangpoet an 88 Tasten – mit einem Anker in die Anforderungen des einträglichen Wirtschaftens in Gestalt der freien Handelsvertreterin und Mitarbeiterin Annemarie Klingel, die seine Termine mit allem Drum- und Dran organisiert. „Er soll einfach Klavier spielen können, nichts Anderes“ sagt sie – und das wird er auch am 3. Januar 2026 erneut in der Villa Wellentanz tun.

Bericht: René Kousz
Foto / Video: Jean-Pierre Kousz



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