Vor erneut ausverkauftem Haus traten der Cellist Thomas Grossenbacher und die Pianistin Yulia Miloslavskaya zum wiederholten Mal in der Villa Wellentanz mit einem besonderen und anspruchsvollem Kammermusikprogramm auf, worin sie Werke von Grieg, de Falla, Kodály, Sibelius, Piazzolla und Schumann zu Gehör brachten, jeweils mit stimmigen, einleitenden Kommentaren von Grossenbacher zu den einzelnen Werken. Grossenbacher war in festlichem Schwarz gewandet und Miloslavskaya in einer wunderschönen, mondän glitzernden Robe, die an Gemälde von Gustav Klimt erinnert.
Die Gastgeberin, Barbara Münch, begrüsste das Publikum und die Musiker in warmen Worten in ihrer deutschen Muttersprache, charmant garniert mit einzelnen schweizerdeutschen Wörtern.
Danach eröffneten Grossenbacher und Miloslavskaya mit dem Allegretto, das Grieg 1883 selber aus seiner Violinsonate op. 8 (1865) transkribiert hatte und seinem Bruder John, der ein Hobbycellist war, zum Geburtstag schenkte. Es ist ein Ohrenschmeichler, der zwischen schmelzendem Andante und lebhaft-freundlichem Allegretto wechselt.
Das Programm vereinte den Norden (Grieg, Sibelius) mit dem Süden (de Falla und Sibelius), dazwischen das Bindeglied Kodály aus dem Osten; tatsächlich ergab dies eine reizvolle Kombination, wie man sie selten hört.

Manuel de Falla schrieb die Suite „Siete (7) canciones populares españolas“ (1914), die der französische Cellist Maurice Maréchal für Cello und Klavier umgeschrieben hat. Die fünf kurzen Stücke erscheinen wie eine Mini-Oper, die ein Liebesdrama erzählt: nach einer Ouvertüre ein scheues Werben um die Geliebte, gefolgt vom ersten Liebesrausch und einer heftigen, virtuosen Eifersuchtszene (die einen Szenenapplaus erntete), danach die Reue mit der Bitte um Vergebung und zum Schluss die leidenschaftliche, gereifte Liebe in einem tangoartigen, innigen Tanz.
Vor der Pause erklang vom ungarischen Komponisten Zoltán Kodály die Sonate op. 4 (1910), die von Janō Kerperly (Cello) und Béla Bartók (Klavier) uraufgeführt wurde; das Werk folgt den Spuren ungarischer Volkslieder, nicht verträumt romantisierend à la Franz Liszt, der ebenfalls Ungar war, sondern in ihrer urtümlichen, ungezähmten Ausdruckskraft. Die Sonate beginnt mit einem kurzen Cellosolo, als entstiegen erdige Klänge aus einem nebelverhangenen, frisch gepflügten Acker, langsam mit dem Piano zusammen in den Tag einstimmend, bis unvermittelt aus dem Nebel die Sonne hervorbricht. Im zweiten Satz glaubt der Rezensent eine aufgeschreckte Hühnerschar zu hören, während ein Unwetter mit Windböen und Regen hervorbricht, das so unmittelbar endet wie es gekommen ist. Die Natur lockt und mahnt in ungezähmten Klängen den Menschen zur Demut und Dankbarkeit, der seinen Acker nun stoisch weiterpflügt, während der Nebel wieder heraufzieht. Kodály und Bartók machten unzählige Tonaufnahmen mit einem Phonografen und sammelten über 9000 Lieder, die sich hörbar in ihre Werke niederschlagen.
Nach der Pause ertönte das ergreifendste Werk des ganzen Konzerts: „Malinconia“ (Melancholie) op. 20 (1899), in dem Jean Sibelius den Tod seiner zweijährigen Tochter Kirsti verarbeitete, die an Typhus gestorben war. Das Cello vertritt die menschliche Stimme, die klagt, wütet, hadert, schluchzt, schreit und trauert, während das Klavier widergibt, was im Körper des Trauernden vorgeht. Sowohl Grossenbacher als auch Miloslavskaya machen die tiefe Erschütterung des Komponisten unmittelbar spürbar, und das Stück geht tatsächlich an die Substanz, wie Grossenbacher es in der Einleitung angekündigt hatte. Die beiden Musiker ersetzten ein ganzes Orchester; die einzelnen Noten verschmolzen zu einem eindrücklich impressionistischen Gesamtklang, der die ganze Breite des menschlichen Empfindens abzudecken weiss. Es sei das ehrlichste Werk von Sibelius, sagte Grossenbacher – wie wahr!

Den offiziellen Schluss machte Astor Piazzolla mit seinem „Le Grand Tango“ (1982). Der Komponist pilgerte 1954 nach Paris zu Nadia Boulanger, um bei ihr Komposition zu studieren; er zeigte ihr seine Kompositionen aus den vergangenen zehn Jahren, Boulanger fand darin Strawinsky, Bartók und Ravel aber nirgendwo einen Piazzolla; sie erkundigte sich, welche Musik und welches Instrument er denn spiele? Piazzolla gab verschämt zu, dass er gerne in Nachtclubs Tangos mit dem Bandoneon spiele. Als er auf Boulangers Bitte hin ein paar Stücke vortrug, rief sie: „Sie Idiot! DAS ist Piazzolla“ und ermutigte ihn, diesen Weg weiter zu beschreiten. Das tat der Komponist: er warf die Kompositionen seiner letzten zehn Jahre in die Hölle (wie es Piazzolla zwei Jahre vor seinem Tod in einem Interview erzählte und woraus Grossenbacher vorlas) und komponierte die unsterblichen Werke, für die er berühmt wurde – so auch „Le Grand Tango“, der nun erklang – leidenschaftlich, virtuos, feurig im Tangotakt, was dem Publikum mehrmals verfrühten Applaus entlockte.
Was für eine Reise durch unglaublich eindrückliche Klanglandschaften, welche Grossenbacher und Miloslavskaya entfaltet haben, beide Musiker zutiefst engagiert, gleichzeitig auf höchstem Niveau sowohl souverän virtuos als auch einfühlsam sprechend in ihren Darbietungen, Miloslavskaya liess völlig vergessen, dass sie ein (wenn auch hochwertiges) Digipiano statt einen Steinway-Konzertflügel spielte, und Grossenbacher, dass er ein optisch schwerfällig wirkendes Instrument händelte. Das Publikum dankte es mit einem ausgiebigen Applaus, der eine Zugabe entlockte.
Robert Schumann, die Nummer 2 aus den „5 Stücken im Volkston“, op. 102 (1849) – die Sätze tragen keine Titel; Grossenbacher taufte den zweiten Satz für sich „Wiegenlied“, was es auch war. Nach dem anspruchsvollen und eindrücklichen Programm nun der Ausklang mit einem Ohren- und Gemütsschmeichler; intim und innig endete das Konzert.
Barbara Münch bedankte sich herzlich bei den Musikern für diese eindrückliche, emotionelle Achterbahnfahrt und bat das Publikum, die Darbietung bei der Kollekte nicht in einem hochfrequenten Klimpern, sondern eher mit einem magischen, leisem Rascheln zu würdigen.
Magisch war dieses Konzert, lieber Thomas Grossenbacher, liebe Yulia Miloslavskaya!
Bericht: René Kousz
Fotos: Jean-Pierre Kousz
