Haben Sie schon mal eine Liebeserklärung an den Rosenkohl (in schweizer Mundart „Rööslichööl“) erlebt? Oder wissen Sie, was ein Camparimond ist? Das war im Auftritt von Lisa Berg und David Ruosch in der Villa Wellentanz zu hören. Jean-Pierre Kousz und Barbara Münch lernte dieses Duo im November in der Herzbaracke kennen und waren so begeistert, dass sie es für einen Chanson-Abend in Wila engagierten.

Lisa Berg: eine Vollblutsängerin im schlichten schwarzen Kleid und mit einer Stimme, die den Raum problemlos auch ohne Mikrofon zu füllen vermochte und an Edith Piaf gemahnte, wenn sie „La vie en rose“ und „Mylord“ sang; inzwischen hat sie aber 116 Lieder auch selber getextet, sei es in Hochdeutsch, Mundart, Französisch – oder Tahitianisch. Mal schmissig als Jazz und Blues, mal melodramatisch als bittersüssen Schlager, mal als schmetternder Jodel deckt Berg alle Facetten einer Altstimme und menschlicher, allzumenschlicher Alltagserfahrungen ab.
David Ruosch: ein Vollblutpianist und einer der gefragtesten Jazzinterpreten der Schweiz, ebenfalls schwarz gewandet am hauseigenen Digitalflügel, hantierte virtuos mit der ganzen Klaviatur der 88 Tasten und verlieh Lisa Bergs Texten den stets passenden Kontrapunkt, zwischendurch auch in Solokadenzen brillierend oder mitsingend im Dialog, aber bei diesem Auftritt auch mit zwei Solo-Nummern: der unverwüstliche „12th Street Rag“ (1912) und die Ouvertüre zu Rossinis Oper „Der Barbier von Sevilla“ (1816), von Ruosch à la Boogie gegart und serviert („Rossinis Boogie“).
Denken Sie bei Chanson gleich an Boogie-Woogie? Das sollten Sie spätestens dann tun, wenn Sie Lisa Berg und David Ruosch hören; die beiden haben bei ihrem Chanson-Abend bewiesen, dass diese Kombination sich bestens verträgt. Angeregt wurde David Ruosch dazu unter Anderem durch den Hit von Trude Herr „Ich will keine Schockolade“ (1959); inzwischen haben sich Berg und Ruosch mit genau dieser Kombination einen Namen gemacht; in etwa zwei Wochen wird wieder eine neue CD erscheinen.
Das Publikum wurde in der Villa Wellentang bestens unterhalten: Berg besang Gasthäuser im Mittelland („Du Lac“, „Elsa von der Eintracht“) und in den Glarneralpen, wo man bis zum Meer blicken kann („La patronne du berglihorn“); sie besang den besagten Rosenkohl („Röslichöl“) oder den Halbmond, der an einen Orangenschnitz in Campari gemahnt („Camparimond“); mal hatte sie den „Kochinsel-Blues“, mal beklagte sie den verpassten Kontakt im Café, weil der Mann am Tisch nebenan zu früh gegangen ist, bevor sie sich getraut hat, ihn anzusprechen („Vilicht“); sie wetterte gegen den Kavalier, der sie mit schönen Worten lockte und in ihr den Traum von Paris weckte, nur um sie schliesslich zu einer Velotour um den Bodensee zu verführen, wegen der ihr danach der Arsch seit drei Tagen weh tut („Nu wäge dir“). Oder war „er“ halt doch ihre Insel, die sie allen anderen Inseln bevorzugt, sei es Mali oder die Azoren, wo sie verloren wäre („Mini Insle bisch du“)? Handkehrum ergab sie sich dem Alkohol, um „ihn“ endlich zu vergessen, zunehmend betrunkener torkelte sie mitten durch das Publikum bis zum zwölften Glas – welch grandiose Slapstik-Nummer („Trinklied“)! Flugs ging es um das Hausmädchen, der schönen Helene, die in einem Pfarrhaus dem Pfarrerssohn Walter durch die Zimmerwand beim Geigen-Üben lauscht und 40 Jahre später – längst mit einem anderen Mann verheiratet – immer noch an ihn denkt („Pfarrhaus 1923“). Und alle schauen auf das verdammte Telefon, sogar, wenn die Welt untergeht („Telefonblues“)

Wahrlich: Der Flyer hat nicht zuviel versprochen: es war tatsächlich ein Chansonrausch, den Lisa Berg und David Ruosch dargeboten haben; das Publikum klatschte zwei Zugaben heraus, am Ende den Herausschmeisser „Blumenlied“ wo stimmlich und pianistisch nochmals alle Funken sprühten.Seit nun drei Jahren laden Jean-Pierre Kousz und Barbara Münch zu Konzerten in der Villa Wellentanz ein – mit zunehmendem Erfolg und in dieser Saison sogar stets ausverkauft
Und was lernen wir aus diesem Abend? Esst mehr Rööslichööl – heiss, klein, knackig und erst noch gesund, am besten im Schein des nächsten Camparimonds!
Bericht: René Kousz
Mehr zu Lisa Berg: https://lisaberg.ch/

