Wären Chris Conz und Mario von Holten ein Kraftwerk, bräuchte man sich um Strom keine Sorgen mehr zu machen! Dies durfte ein begeistertes Publikum in der Villa Wellentanz beim (erneut ausverkauften) Auftritt dieses Duos erleben.
Chris Conz: regelmässigen Besuchern der Konzerte kein Unbekannter mehr, trat er doch bereits am 24. November 2024 in der Villa Wellentanz auf. Bereits mit 11 Jahren widmete er sich dem Boogie-Woogie und nahm Unterricht bei Hamp Ruosch (dem Stammpublikum in Wila ebenfalls bestens bekannt) – zu Beginn des Auftritts scherzte Conz: „Jetzt spielt also nur der Schüler“ und strafte sich gleich selber Lügen: heute ist er unbestreitbar ein Meister seines Fachs und nicht umsonst mit dem Swiss Jazz Award geehrt worden. Mit dem Charme eines Kavaliers setzte er sich ans Instrument und legte los, als wäre es eine Nebentätigkeit nebst Telefonieren und Büroarbeit-Erledigen. Mit einer stupenden Leichtigkeit tanzten seine Hände über die 88 Tasten und rocken den Raum, bis er glühte, dazwischen flirtete er mühelos mit dem Publikum und streute lustige Sprüche ein.
Mario von Holten: der kongeniale Kontrapunkt zu Chris Conz, ebenfalls ein Meister seines Fachs, der mit Besen und Sticks sein Schlagzeug einem Zauberer gleich traktierte und das Pianospiel mit vielfältigen und differenzierten Klängen bereicherte, auch er mit einer Noblesse und Leichtigkeit, die seinesgleichen sucht – man glaubte als Zuhörer die Funken sprühen zu sehen! Er lernte ursprünglich klassisches Schlagzeug, erweiterte aber bald sein Repertoire in den Jazz und Blues; zur Zeit spielt er im Musical „Billy Elliot“ im Orchester mit und organisiert das jährliche „Swing The Spring“-Festival in Wallisellen. Von Holtens Meisterschaft zeigte sich nur schon in der Klangvielfalt, die er aus dem Hi-Hat zauberte, indem er Anschläge mit Besen oder Stick mit dem Öffnen und Schliessen des Hi-Hats kombinierte, oder auch wenn er mit den Sticks auf den Rand des Snare-Drums klopfte oder die Spannung des Fells während des Schlagens änderte und so die Frequenz beeinflusste. Sein Repertoire von Klängen reicht von Pianissimo bis dreifachem Fortissimo!

Man merkte schnell, dass die beiden Virtuosen bereits 24 Jahre zusammen spielen; sie verstehen einander wortlos und stimmen sich perfekt aufeinander ab. Eindrücklich zum Beispiel bei der Jazz-Version des klassischen Stücks „Asturias“ aus dem Jahr 1886 (Conz: „Es ist ein spanisches Stück, wir spielen es aber auf Deutsch“): Conz setzte trocken ohne Pedal ein, Von Holten ebenso mit kurzen Tönen auf Tom-Toms und Hi-Hat, sobald Conz mit Pedal weiterspielte, liess Von Holten die Becken klingen, was ebenfalls einen Pedaleffekt erzeugte.
Es kamen Klassiker zum Zug, wie der unverwüstliche „St. Louis Blues“ (1914), „Tico-Tico no Fubá“ („Die Morgenammer im Maismehl“, Brasilien 1917), worin man tatsächlich das Zwitschern der in Brasilien heimischen Morgenammer zu hören glaubte; „The Boogie Rocks“ (womit Albert Ammans 1944 den Boogie-Woogie etablierte), „Robbins Nest“ (1947) bis hin zum „Suitcase Blues“ (1979), mit dem Conz und Von Holten ihren Auftritt eröffnet hatten.
Fats Waller kam gleich mit drei Titeln zu Ehren: zuerst in einem Medley, bestehend aus „Ain’t be mishavin’“ und „Honeysuckle Rose“ (beide 1929), danach noch mit „Viper’s Drag“ (1930), das einen Süchtigen in melancholischen Klängen auf der Suche nach Gras beschreibt, der dann seinen Stoff findet, einen Rausch in rasantem Dur erlebt, um sich danach wieder in der Moll-Wirklichkeit wiederzufinden.
Auch die Eisenbahn-Freunde kamen auf ihre Kosten: Beim „Honky Tonk Train Blues“ (Meade Lux Lewis, 1929), das sich ein Zuhörer wünschte, glaubte man tatsächlich das typische Rattern alter Züge zu hören (Conz: „Stellt euch vor, Ihr steigt in Wila ein und fahrt nach Uster“, „In Deutschland konnten wir das Stück nicht aufführen, weil der Zug nicht kam“). Der „Night Train“ (1952) und „Take The A Train“ (1939) setzten die Fahrt fort.

In einer Zeit, wo es noch Schallplatten gab (Conz: „Ja, sowas gab es einmal“), lernte Conz „On the Sunny Side of the Street“ in der Interpretation von James Brooker am Albisgüetli (1977) kennen; diese Version gab er nun mit Von Holten zum besten.
Als wäre das alles nicht schon genug, durfte das Publikum zwei Solokadenzen des Schlagzeugers erleben, die es in sich hatten und alle Zuhörer in eine ausgewachsene Klangsinfonie entführten und Ort und Zeit vollständig vergessen liessen; da entfaltete sich die ganze Vielfalt, die aus den Tom-Toms, Becken, Hi-Hat und Bass-Drum mittels Besen, Sticks (und sogar Fingern) entlocken lässt. Nach dem zweiten Schlagzeugsolo wartete auch Conz mit einem furiosen Pianosolo auf, das Seinesgleichen sucht.
Das Konzert endete mit einer Standing Ovation, die zwei Zugaben entlockte: zuerst einen heissen Boogie-Woogie, danach das verträumte „Summertime“ aus Gershwins Oper „Borgy and Bess“ (1935).
Man kann nur tun, was auch Chris Conz vor der Pause an diesem denkwürdigen Konzert getan hat, nämlich den Organisatoren danken: den Gastgebern Jean-Pierre Kousz und Barbara Münch, die immer wieder tolle Musiker in die Villa Wellentanz locken, und Adrian und Patricia, die an diesem Konzert für das leibliche Wohl des Publikums sorgten.
Bericht: René Kousz
