1. Dezember 2023 – Lesung aus „Julius und die Zauberohren“ / 1. Adventsfenster in Wila

Als ich mich auf den Weg machte, war es nass und unangenehm kalt – Wetter, um sich gemütlich in der warmen Stube einzukuscheln – in Wila erwarteten mich dagegen leise fallende Schneeflocken, die alle Geräusche verschleierten und Alles in einen adventlichen Zauber tauchten.

Mein Ziel war die Villa Wellentanz, die mit einer illuminierten Fensterreihe aufwartete: eine grosse Nummer Eins blinkte um die Wette mit einer keck grüssenden Figur, dem Engel der Künstlerin Niki de Saint Phalle nachgebildet, der im Hauptbahnhof Zürich über den Köpfen schwebt. Der Ortsverein Wila hat 24 Standorte gesucht und gefunden, wo Tag für Tag ein weiterer Lichtschmuck in Richtung Heilige Nacht leuchten soll, und den frisch zugezogenen Gastgebern der Lesung gebührte die Ehre, das erste Licht zu stellen.

Ins Warme hineingetreten, mitten in fröhliches Geplauder von rund 30 Gästen bei Glühwein (mit und ohne Alkohol) nebst Mineralwasser. Ein selbstgebackener, riesiger und leckerer Lebkuchen, verziert mit Mandeln und kandierten Kirschen, Sternchen bildend, und weitere Leckereien lockten den Gaumen, bis Jean-Pierre die Gäste bat, sich zu setzen.

Er eröffnete die Lesung mit einer munteren Erklärung, wie es zum Namen des Hauses kam: Das Wort „Wellentanz“ war gesetzt, da es im Google problemlos zum Ziel, dem ehemaligen Therapiebad Wellentanz wies, ausserdem tanzen die Gastgeber gerne und lieben Wellen in allen Formen (was Barbaras zahlreiche Gemälde bezeugen) – es ging also nur noch um das Beiwort: „Haus Wellentanz“ war zu gewöhnlich, „Schloss Wellentanz“ eine Nummer zu gross – wobei: „Château Wellentanz“ wäre doch passend gewesen, rief ein Besucher fröhlich in die Runde, dann könne man doch den Hauswein danach benennen – nun: es wurde daraus „Villa Wellentanz“, was eine Nachbarin mit einem munteren „Das isch tatsächlich bescheide“ kommentierte – übrigens: im Google tatsächlich weiterhin sofort prominent zu finden…

Eigentlich hätte die Lesung mit Klavierklängen bereichert werden sollen, aber die Pianistin musste aus einem traurigen Anlass kurzfristig absagen – ob denn jemand Musikalisches Lust hätte, einzuspringen? Aus dem Publikum wurde ein Name einer Dame, Sara, gerufen, die sehr schön spiele, sich aber (noch) nicht getraute.

Nun also die Lesung: Barbara Michaela Münch erzählte zuerst, wie es überhaupt zum Buch „Julius und die Zauberohren“ kam: Als Audiologin ist sie täglich mit dem Phänomen Hören und Hörproblemen befasst und wollte dieses ernste Thema auf eine unterhaltsame Art vermitteln, sodass sie sich eine Geschichte ausdachte und niederschrieb.

Julius, zehnjährig – im selben Alter wie eines der drei Kinder, die in der vordersten Reihe sassen – hat ein leicht eingeschränktes Gehör, was ihm den Alltag erschwert, ohne dass diese Ursache erkannt worden ist. „Nicht sehen trennt den Menschen von den Dingen, nicht hören trennt den Menschen von den Menschen“, erkannte bereits Immanuel Kant. Doch eines Tages gesellt sich Cleo hinzu, eine geheimnisvolle Katze aus dem Traumland, die schon über neunhundert Jahre alt ist und inzwischen aufgehört hat, die Jahre zu zählen, und die Julius bald in einen Wald lockte, wo die Zauberohren in einem vergrabenen Kästchen warten – und hier setzte die erste Szene der Lesung ein: Julius findet, von Cleo geführt, das Kästchen, das er mit der Kraft seiner Gedanken öffnet und darin die Zauberohren findet. Cleo drängt ihn, diese aufzusetzen – und bitte beide, denn schliesslich habe der Mensch zwei Ohren (eine Mahnung der Autorin, dies in Wirklichkeit auch zu tun und beiden Ohren ein Hörgerät zu gönnen – die Audiologin spricht!). Nun eröffnet sich Julius eine ganz neue Klangwelt, ja, er kann sogar die Tiere verstehen: einem Fuchs knurrt beim Anblick von Kaninchen der Magen, und zwei Ameisen beklagen sich über die viele Arbeit. Julius muss nur an seine Eltern denken und schon hört er, wie sich sein Vater beim Duschen einseift und seine Mutter gerade Stoff zuschneidet.

Wie es sich für ein Märchen gehört, gibt es Verbote: Ja nicht Farben hören wollen, und nicht nur ein Zauberohr tragen, sondern immer beide oder gar nicht – aber, und noch wichtiger: es wartet auch eine Aufgabe, nämlich die gefangene Prinzessin Lililea aus den Fängen ihrer Entführer zu befreien. Dafür muss Julius ins Zauberland eintreten (wozu ein tiefer Blick in Cleos Augen verhilft) und dort durch vier Elementwelten gehen – „Welche vier Elemente denn?“ fragte Barbara die Kinder, worauf ein Junge sofort drei richtig aufzählte: „Erde, Wasser, Luft“ – ja: und Feuer!

Die zweite Szene spielt im Seenreich, wo Julius und seine beiden Begleiter (der Kobold Schwips und die Hexe Estrella) von Skilja in ihrem Wasserpalast empfangen werden. Unzählige, verschiedene Geräusche sind zu hören, Nymphen spielen auf, und Julius hört die Schlafgeräusche einer Schlange, die mal freundlich, meistens aber gefährlich sei.

In der dritten Szene sind die drei Helden auf einem Floss unterwegs. Julius horcht auf die Schlafgeräusche der Schlange, was aber zunehmend erschwert wird, da sich ein weit bedrohlicheres Geräusch hinzugesellt: das laute Rauschen eines Wasserfalls, auf den das Floss unaufhaltsam zutreibt. „Die drei Freunde sahen sich noch kurz fassungslos an, da stürzte das Floss auch schon in die rauschende Tiefe“

Mit diesem gemeinen Cliffhanger endete die Lesung und das Publikum war damit gerufen, die Geschichte selber weiterzulesen…

Die Lesung ging nun wieder in das gemütliche Plaudern über. Nachbarn sind dabei, Vertreter des Ortsvereins und Bekannte. Sara setzte sich nun tatsächlich ans Piano und improvisierte passend zum Abend. Die Kinder sind beeindruckt, als Jean-Pierre mit einem Sauggerät eine Bodenplatte zur Seite hob und sich der Eingang zum ehemaligen Schwimmbecken, nun Stauraum für Tische, Stühle und Geräte öffnete. Er erzählt, dass er schon einige Male umgezogen sei, sich aber nie so schnell zuhause gefühlt habe wie hier in Wila, wo er herzlich aufgenommen worden sei. Tatsächlich fühlte sich auch der Verfasser dieser Zeilen sofort wohl in dieser geselligen Runde, in der gleich familiär geduzt wurde.

Es war ein fröhlicher Abend, der einen zu verzaubern wusste und jedem bewusst machte: Wir Menschen haben zwei Ohren zu hören!

Und in diesen langen Winternächten kann man auch „Julius und die Zauberohren“ lesen und in die Abenteuer der drei Helden eintauchen.

Aber wir können auch ohne Zauberohren täglich in eine Klangwelt eintauchen, die es einfach zu entdecken gilt.

Bericht von René Kousz

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