Die Villa Wellentanz erlebte am 23. Oktober gleich zwei Rekorde: Auf der Bühne standen sechs Musiker in Form der Highlanders Jazzband nebst eines eindrücklichen Instrumentenparks, und die Warteliste umfasste zwölf Personen, die noch auf einen unverhofften Platz im neuerdings klimatisierten Eventraum hofften. Zudem erklang zum ersten Mal Dixieland Jazz in der Villa Wellentanz – mit vollem Erfolg!
Als das Konzert begann, befand sich Barbara Münch gerade auf dem Rückflug von Südafrika, wo sie berufshalber zwei Wochen verbracht hatte, sodass Jean-Pierre Kousz allein mit zwei Helferinnen das Event meisterte und das Publikum willkommen hiess.
Zu Gehör kamen launige Dixielandstücke aus den Jahren 1914 bis 1964, wobei die Zwanzigerjahre den Schwerpunkt bildeten. »Wir spielen ›Happy Music‹« und »Mit unseren Interpretationen bringen wir die Seele und die Freude dieser Musik direkt zu unserem Publikun« heisst es auf der Homepage der Band, was nicht zu viel versprochen ist: Man merkte bei jedem Takt die pure Spielfreude der sechs Musiker; sie müssen sich damit nicht ihren Lebensunterhalt bestreiten, sondern pflegen ihre Auftritte als passioniertes Hobby auf hohem Niveau.
Bereits im ersten Stück, der »Bourbon Street Parade« (1949), ist dies zu spüren; typisch war auch das Wechselspiel zwischen Tutti-Passagen und Solokadenzen, worin jeder mit seinem Instrument glänzen konnte und jeweils prompt mit Szenenapplaus des dankbaren Publikums bedacht wurde.

Geleitet wird die Band von Werner Braun mit seinem imposanten Sousaphon (das er liebevoll Teilchenbeschleuniger nennt und das satte 14 Kilo auf die Waage bringt – erfunden hatte es der amerikanische Komponist John Philip Sousa um 1893). Er musste sich seinen Weg zur Musik regelrecht erkämpfen: Seine Eltern verboten ihm den Musikunterricht, weil ihnen seine schulischen Leistungen nicht genügten. Zwanzig Jahre lang sah es sogar aus, als würde Musik nie eine Rolle spielen; erst spät wurde sein Talent erkannt und gefördert. Werner Braun ist ein tolles Beispiel, wie Berufung sich grosser Widerstände zum Trotz seinen Weg finden kann.
Auch bei Hans Rüegg gestaltete sich die Musikkarriere nicht geradlinig: Die Eltern schickten ihn in den Klavierunterricht, was ihm nicht zusagte, da er keine Noten lesen konnte, 1962 gründeten er und ein paar Kollegen eine Band, wo ihm die Trompete zugeteilt wurde; der Trompetenlehrer gab ihn später auf, weil er immer noch keine Noten lesen konnte. Erst als Pensionierter fand er den Weg in ein neues Musikleben und wechselte von der Trompete zum Cornet, seinem Lieblingsinstrument. Das Publikum konnte sich überzeugen, welch sinnliche und schöne Klänge er dem Cornet entlocken kann, besonders eindrücklich wurde dies im Intro zum »Davenport Blues« (1925).
Roger Heinz lernte klassische Gitarre am Konservatorium und trat in unterschiedlichsten Formationen auf, unter anderem mit den Band »Ostschweizer Galgevögel«, sowie in einem E-Gitarren-Orchester, das aus 25 Gitarristen bestand. Die Liste der Formationen, wo er beteiligt war, ist eindrücklich und kann geradezu als »Who is Who« der Schweiz gelesen werden. Heute spielt er in der Highlanders Jazzband und in der Volksmusikgruppe »Echo vom Locherguet«
Jörg Uttinger lernte klassische Klarinette und mühte sich an Mozarts berühmten Klarinettenkonzert (das der Komponist in seinem Todesjahr 1791 schrieb) ab und erkannte, dass seine Stärke in Jazz, Blues und Dixiland lag, wobei er die Hochachtung vor der klassischen Musik beibehielt. Beruflich war er fast zwanzig Jahre lang im Amt für Umweltschutz Schwyz tätig, um »das Grundwasser vor Gülle und anderen wenig bekömmlichen Stoffen zu schützen. Ein Vorhaben, das manchmal zum Blues verleitete.« – Sehr bekömmlich für die Ohren und für das Gemüt sind die Klänge, die er sowohl der Klarinette als auch dem Saxophon entlocken kann!
Rochus »Rocky« Hobi: Seine Musikkarriere startete ganz »bürgerlich« mit Blockflöten- und klassischem Klavierunterricht, was auf wenig Gegenliebe stiess, aber dann erweiterte er sein Instrumentarium um Orgel, Bluesharp, Gesang und Posaune; bereits in der Sekundarschulzeit spielte er in der regional bekannten »Memphis Six« mit, gründete 1980 selber eine Band, womit er grossen Erfolg feiern konnte. Seither spielt er in unterschiedlichsten Formationen mit, komponiert seit der Coronazeit auch eigene Stücke. Beim Konzert in der Villa Wellentanz spielte er im Wechsel Saxophon und Piano – es war nicht nur ein Ohrenschmaus, sondern auch visuell faszinierend, wie elegant und souverän er mit dem Bügel des Saxophons hantierte und mühelos schnelle Tonfolgen hervorbrachte, als sei es das Einfachste der Welt.
Jürg Egli lernte zuerst Trompete, wechselte auf das Es-Horn und spielte in einer Blasmusikformation, gründete mit einem Pianisten und Gitarristen eine Rockband, worin er zum Drumset wechselte. Parallel trat er weiterhin mit Es-Horn und Flügelhorn auf, erst mit 37 Jahren konzentrierte er sich vollständig auf das Drumset und bildete sich beim Schlagzeuger Leonardo intensiv weiter. Heute spielt er in vier Formationen mit.
Es ist eindrücklich, welch unterschiedliche sechs Laufbahnen sich zu der Highlanders Jazzband zusammengefunden haben; gerade dies machte deren Musik für das Wellentanz-Publikum so lebendig und unmittelbar; aus ihr klang jahrelange, vielseitige Erfahrung mit; in jedem einzelnen Stück schwang schiere Freude am Musizieren mit. Dazwischen erzählten die Musiker auch Anekdoten zu einzelnen Stücken, zum Beispiel zu »Puttin‘ on the Ritz« (1927); der Titel heisst wörtlich: sich für das (Hotel) Ritz anziehen (dort könne man dann – so Jörg Uttinger – auch Puttin‘ on Rice bestellen). Der »Wabash Blues« (1921) war für Werner jahrelang immer mit Abwaschen verknüpft, sodass er ihn den »Abwasch-Blues« nannte.
Berührend war auch der Dank, den die Band dem Gastgeber Jean-Pierre Kousz aussprach: sie schätzte nicht nur die tadellose Organisation, sondern auch die Möglichkeit, als Hobbymusiker überhaupt in einer solchen Lokation auftreten zu können, wo sonst Profimusiker auftreten, denn solche Gelegenheiten werden immer seltener. Jean-Pierre Kousz lernte die Band in einem Auftritt im Kino „Orion“, Dübendorf, kennen und engagierte sie vom Fleck weg. Die Band bedankte sich beim Gastgeber auch noch musikalisch: zum Schluss improvisierte sie noch einen Boogie-Woogie!
Auch dem Publikum wurde gedankt, welches das Prinzip der Dixieland-Musik verstanden und so fleissig Szenenapplaus gespendet habe. Das Publikum bedankte sich aber nicht nur mit Szenenapplaus, sondern am Ende des Konzerts sogar mit einer Standing Ovation, sodass die Musiker als Zugabe noch den »Creole Love Call« (1927) spielten.

Wer noch etwas länger bei gemütlichen Plaudereien blieb, erlebte eine weitere Überraschung: Werner Braun und Rocky Hobi setzten sich zeitweise an den hauseigenen Digitalflügel und rockten den Raum mit Boogie-Woogie-Klängen.
Am 21. November wartet der nächste Leckerbissen in der Ville Wellentanz; diesmal wird es klassisch: Clara Schumann, Robert Schumann und Johannes Brahms kommen in Wort und Musik zum Zug.
Bericht: René Kousz
Fotos: Jean-Pierre Kousz
Das war die Programmankündigung:
https://www.villa-wellentanz.ch/events/20261023


